Das Gesundheitssystem wird krank gemacht.

 
September 22
 
 
Der Psychologe Christian Schubert über die hierarchische Situation zwischen Arzt und Patient, die Ideologie der „Maschinen-Medizin“, die „unbewusst darauf ausgerichtet ist, den Menschen krank zu halten“ sowie den „absoluten Nonsens, Technik über die Natur zu stellen“. Schubert betont demgegenüber den Wert sozialer Beziehungen als „komplexes, mächtigstes Elixier für Gesundheit und Leben“.
Quelle: Multipolar
...
Multipolar: Die Effektivität und die Wirtschaftlichkeit stehen an erster Stelle, aber das genaue Gegenteil wird im Grunde schon seit Jahrzehnten gefordert: die ganzheitliche Betrachtung des Menschen. In der Medizin bedeutet das vor allem den Patienten einzubeziehen, was heutzutage kaum mehr der Fall ist. Für ein Gespräch mit dem Arzt hat ein Krankenkassen-Patient in der Regel fünf bis zehn Minuten.
 
Schubert: Absolut richtig. Natürlich muss man sich darüber Gedanken machen, warum das so ist. Dafür gibt es sehr viele Faktoren. Wir befinden uns wie unter einer Glocke dieser von mir betonten erkenntnistheoretischen Irrtümer der Medizin, die letzten Endes über die Abspaltung von Geist, Körper und Seele zu einer Mechanisierung des Menschen geführt haben und der Passivität und Abhängigkeit des Patienten Vorschub leisteten. Also der Patient gerät nicht nur in eine beziehungslose Situation innerhalb eines mechanisierten Gesundheitssystems, sondern wird auch vom Arzt in vielen Fällen mehr als Maschine denn als Mensch gesehen. Ohne den Schulmedizinern zu nahe zu treten, denn diese sind Opfer dieser Unkultur. Es sind nur ein paar, die in ihrer Unzufriedenheit mit dem System ausscheren und Fort- und Weiterbildungen betreiben, die sie dann zu einer Komplementär- und Alternativmedizin bringen, zur Psychosomatik, et cetera. Aber gelernt werden die so wichtigen Beziehungsaspekte im Medizinstudium kaum.
 
Also ja, es sind viele Faktoren, die in einer komplexen Form zusammenspielen. Es gibt zudem Trittbrettfahrer, die enorme Vorteile daraus ziehen, dass der Patient nicht selbstverantwortlich in seiner Gesundheit und im Falle einer Krankheit auch im Gesundwerden beteiligt ist, sondern letzten Endes passiv ist und in Abhängigkeit von einem Gesundheitssystem gehalten wird. Er ist ein Rezipient von medizinischen Leistungen, ohne selber an der eigenen Genesung teilnehmen zu können. Diese Abhängigkeit ist ein Machtverhältnis. Die hierarchische Situation zwischen Arzt und Patient läuft dann nicht nur in Richtung Mechanisierung, sondern auch Ökonomisierung. Hier wird unglaublich viel Geld gemacht mit der Abhängigkeit des Patienten, der passiv den Arzt schalten und walten lässt, wie er will und damit noch mächtigere Strukturen in unserer Gesellschaft bedient, wie zum Beispiel die Industrie, die als Trittbrettfahrer dieses System entsprechend ausnutzt. Da sind wir wieder bei der Kultur und einer Entfremdung und Dehumanisierung unseres Systems, so dass der Arzt letzten Endes seinen so wesentlichen hippokratischen Eid verletzt und dem Patienten schadet.
 
Multipolar: Warum, meinen Sie, bleibt der Großteil der Patienten in dieser Abhängigkeit?
 
Schubert: Das ist für mich vielleicht sogar einer der wesentlichsten Aspekte: Warum steht der Patient nicht auf? Warum wehrt er sich nicht? Warum macht er mit? Da kommen Aspekte zum tragen, die wir aus der Psychosomatik oder extrem auch aus der Psychotraumatologie kennen: Menschen, die psychisch krank sind, möglicherweise traumatisiert sind, neigen dazu, sich nicht mehr ganzheitlich wahrzunehmen. Sie spalten Gefühle und körperliche Empfindungen, die mit den belastenden Erfahrungen verbunden sind, ab, verbannen sie aus ihrem Bewusstsein. Zu schmerzhaft ist das Erlebte. Das heißt, der Patient ist unbewusst nicht daran interessiert, seine Traumatisierungen aufzuarbeiten, weil es zu schmerzhaft ist, sich seiner psychischen Problematik zu stellen. Er wehrt ab. Der Arzt wiederum hat es nicht gelernt, mit den Traumatisierungen seiner Patienten angemessen umzugehen, hat Angst vor der Beziehung mit dem Patienten und steckt zudem selbst in Abhängigkeiten, sei es ökonomischer oder karrieretechnischer Natur.
 
Es treffen also zwei Systeme aufeinander. In diesem Fall Arzt und Patient, die beide nicht das Knowhow haben, die Psyche und die kausalen Hintergründe einer Krankheit anzusehen und entsprechend zu bearbeiten und/oder ihre Ängste abwehren. Wir nennen das dann Kollusion, beide sind unbewusst in eine gemeinsame Abwehr verstrickt. Und so wird am Ende nur das Symptom gesehen und über Medikamente, Operationen und andere technische Hilfsmittel versucht zu beseitigen. Wenn wir die Ursache von Krankheit aber nicht wirklich anschauen – und das kann nur ganzheitlich stattfinden –, dann kommt es zur Chronifizierung von Krankheit. Und damit natürlich haben die Trittbrettfahrer, die Gerätemedizin, die Pharmaindustrie und andere Profiteure noch einen viel größeren Reibach. Ich werfe der Schulmedizin vor, dass sie über das reine Verringern und Entfernen von Symptomen letzten Endes am Elend der Erkrankungen kausal beteiligt ist. Es ist die Ideologie der Schulmedizin, der Maschinen-Medizin, die unbewusst darauf ausgerichtet ist, den Menschen krank zu halten.
 
Multipolar: Sie sprachen eben von der Aufklärung. Es wäre also eine Aufklärung vonnöten, im Sinne der Ausbildung der Mediziner und im Sinne der Ausbildung der Patienten selbst. Wenn ein Patient mehr über sich selbst und seinen Körper weiß, kann er auch die Kraft aufbringen, etwas daran ändern zu wollen?
 
Schubert: Absolut richtig, was Sie sagen. Aber das System wird entsprechend aufrechterhalten. Wir haben natürlich noch andere Player, wie wir in der Corona-Zeit gesehen haben, von denen keine Aufklärung ausgeht, im Sinne von Informations- bzw. Wissenstransfer, noch schlimmer, von denen Fehlinformationen ausgehen. Das sind auf jeden Fall die Politik und die Medien. Darin sah ich auch in den letzten zwei bis drei Jahren meine Hauptaufgabe: die Menschen darüber zu informieren, dass es noch andere Narrative gibt, wie man Corona lesen kann, und vor allem jene zu stärken, die aufgrund ihres Nichtwissens rein intuitiv gehandelt haben. Viele Kritiker der Corona-Maßnahmen konnten ihre Kritik kaum begründen. Sie haben aus dem Bauchgefühl heraus agiert und sich geweigert, entsprechende Maßnahmen an ihrem Körper stattfinden zu lassen. Das Ganze aus der erweiterten Medizin heraus zu begründen, das war und ist meine Aufgabe. Also die Menschen im ganzheitlichen Sinn aufzuklären und neue Narrative anzubieten, die nicht nur gleichberechtigt sind zu den Narrativen der Schulmedizin, sondern meines Erachtens höher stehen. Denn sie stellen den Menschen in den Mittelpunkt und nicht das Virus.
 
Ich halte es für absoluten Nonsens, Technik über die Natur zu stellen. Aber genau das wurde in den letzten Jahren massiv propagiert und damit auch der Maschinen-Medizin weiter Vorschub geleistet; nur jetzt in einer so brutalen und die ganze Welt umspannenden Form, dass man tatsächlich Angst davor bekommen muss, was uns bevorsteht, wenn das weiter so funktioniert, wie in den letzten zwei bis drei Jahren. Es handelt sich hier um eine Erfolgsstory der Mächtigen. Sie haben es geschafft, 70 bis 80 Prozent der Menschheit zu impfen und so weit zu bringen, dass viele sich auch weiter dafür begeistern lassen. Ein großer Prozentsatz der Menschen schreit nach der vierten Impfung oder dem Booster – eine kapitalistische Erfolgsstory. Da brauche ich gar keine anderen möglichen Hintergründe. Mir reichen die Irrtümer der Schulmedizin und die davon profitierende Industrie, um Corona zu erklären. Ich stehe absolut für meine Kritik an der Schulmedizin ein.
 
...
Heute können sich die Menschen, die während der Pandemie Teil eines Systems waren, welches gegenüber Andersdenkenden brutal und menschenverachtend agiert hat, nicht mehr rausreden, dass sie nicht wussten, was da vor sich geht. Es gibt das Internet, es gibt Zeitungen und andere Medien, die durchaus auch eine andere Meinung vertraten. Zu offensichtlich wurde sozialer Druck ausgeübt, ausgegrenzt und sonst wie gequält, wenn man dem gängigen Corona-Narrativ nicht entsprach und sich nicht impfen lassen wollte. Herausreden mit Nicht-Wissen ist also nicht möglich, aber zumindest können diese Menschen einsehen lernen, dass sie etwas antrieb, das ihnen nicht bewusst war. Dem müssen sie sich jetzt stellen.
 
Es können Ängste, Gier nach Macht und Geld, Rechthabenmüssen und Schuldgefühle sein, alles Aspekte, die es Menschen schwermachen können, zu erkennen, dass sie in ein Verbrechen verwickelt sind. Wenn aber erkannt wird, dass es unbewusste Kräfte gibt, die einen so weit bringen, zuzusehen oder, noch schlimmer, mitzumachen, Menschen Böses anzutun, dann sind wir bei einem großen Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft: nicht nur das Sichtbare in den Mittelpunkt zu stellen, sondern im Gegenteil das Unbewusste als die mächtigste Instanz unseres Denkens, Fühlens und Handelns zu sehen; uns immer wieder zu fragen, was treibt uns wirklich an? Wenn das passiert, haben wir einen ganz großen Schritt in Richtung einer neuen Kultur gemacht; also nicht nur alles in einem großen Zusammenhang stehend zu betrachten, im Sinne einer ganzheitlichen Sichtweise, sondern darüber hinaus das Unbewusste als eine der größten Erkenntnisse entdecken und sie hoffähig in unserer Gesellschaft machen – so dass jedes Kind ganz früh im Leben ein Wissen darüber erlangt. Das würde einen enormen Fortschritt für die Gesellschaft und Menschheit bedeuten und einen unglaublichen Effekt auf die Medizin haben.
...
 
Multipolar: Sie machen in Innsbruck seit fast 30 Jahren Einzelfall-Forschung.
 
Schubert: Ja, die sogenannte integrative Einzelfallstudie, die sich bereits Jahrzehnte vor Corona vehement gegen eine mechanisierte Forschungsmethodologie wendet. Denn das, was wir hier diskutiert haben, ist nicht nur in der klinisch diagnostischen Medizin ein Thema, sondern – noch viel schlimmer – in der Forschung. Das heißt, so wie die derzeitige Schulmedizin, Maschinen-Medizin, falsch ist, ist auch die medizinische Forschung falsch, die derzeit betrieben wird. Hier gibt es genauso die erkenntnistheoretischen Irrtümer, die ich erwähnt habe. Ein Desaster. Die medizinische Forschung mit ihren Goldstandards – bist du dabei, dann laden wir dich herzlich ein und du bekommst Geld und Macht in unserer medizinischen Ideologie. Wenn du das aber nicht machst, wirst du ausgeschlossen. Diese Mechanismen existieren in der Forschung und Wissenschaft massiv. Aber darüber redet überhaupt niemand. Die wenigsten kritisieren die Forschung selbst.
 
Im Prinzip müsste das längst aufgedeckt werden, diese ganzen Bereiche, in denen die maschinenmedizinische Forschung mit ihren lebensfernen Forschungsdesigns letzten Endes zu Ergebnissen führt, die falsch, verzerrt und vor allem inkonsistent sind. Wir haben zuhauf inkonsistente Ergebnisse in der medizinischen klinischen Forschung, weil die Forschungsdesigns und -zugänge nicht der Komplexität von Menschsein und Bedeutung entsprechen. Da muss es eine Revolution geben. Wenn man heute jemandem sagt, der durchaus kritisch ist, wir machen Einzelfall-Forschung, dann kommt als allererster Gedanke: Das lässt sich ja nicht verallgemeinern. Da ist sie aber schon wieder, die Ideologie. Wir wurden indoktriniert, zu glauben, dass wir verallgemeinern müssen in der medizinischen Forschung. Aber verallgemeinern heißt Komplexitätsreduktion, und das heißt die Komplexität des Menschen nicht mehr in den Mittelpunkt der medizinischen Forschung zu stellen, sondern offensichtlich nur mehr verallgemeinerbares Wissen und entsprechende Erkenntnis. Das ist Reduktionismus, vom weniger Komplexen, nämlich von lebensfernen Forschungsgoldstandards, aber auch vom Tier und vom Laborexperiment auf höher komplexe Kulturwesen zu schließen. Das ist schlicht und ergreifend falsch.
....
 
 
 

 

August 22

 

 

Privatisierte Uni-Spitäler: Ein Skandal ohne Ende

Quelle: infosperber

Im Land Hessen hatten CDU und FDP Investitionen gescheut und eine Spitalgruppe an einen Konzern verschachert. Jetzt wird’s teuer.

Über den Verkauf der Universitätskliniken Marburg und Giessen (heute 86 Spitäler und Institute mit 11’000 Mitarbeitenden) an den börsennotierten Konzern Rhön-Klinikum AG (Umsatz 2011: 1,4 Milliarden Euro) ist in den vergangenen sechzehn Jahren eigentlich schon alles gesagt worden. Vorher hatte die Hessische Landesregierung ihre gesetzlichen Verpflichtungen der Krankenhausfinanzierung jahrelang und so lange ignoriert, bis die Kliniken in ihrer Bausubstanz soweit heruntergekommen waren, dass CDU und FDP sie für den Spottpreis von 116 Millionen Euro an den Rhön-Konzern verkaufen konnten, der seinen Aktionären seitdem zehn Prozent Rendite zukommen lässt. Die Landesregierung unter Roland Koch brüstete sich lauthals, den Landeshaushalt von der millionenschweren Last notwendiger Investitionen und Unterhaltskosten befreit zu haben. Was dem ärztlichen und pflegerischen Personal damit angetan wurde, interessierte nicht. Was das für die Medizin bedeutete, interessierte auch nicht. Heute wissen wir aber, dass alles sowieso ganz anders gekommen ist. Denn niemand weiss ja, was in dem Kaufvertrag von 2006 eigentlich vereinbart worden ist. Der Vertragstext ist nach wie vor geheim. Warum ist dieser Vertrag wohl geheim? Misstrauen ist angesagt.

Versprechungen wurden nicht eingehalten, vertraglich Vereinbartes gekündigt, Druckversuche ausgeübt und die Öffentlichkeit immer wieder getäuscht, aber das Schlimmste ist: Seitdem lässt sich jede Hessische Landesregierung am Nasenring durch die Manege führen. Nicht einen einzigen Euro hat der Verkauf der Universitätskliniken erspart, im Gegenteil. Vor kurzem hat die Hessische Landesregierung sogar eine halbe Milliarde Euro für den Konzern locker gemacht, um die privatisierten Universitätskliniken «zu fördern»!

...Und so ist die Partikeltherapie in Marburg ein eklatantes Beispiel dafür, was mit der Medizin passiert, wenn sie rote Zahlen schreibt: Sie wird gestrichen, geschlossen und eingestellt. Ein Versorgungsauftrag oder die Gesundheit der Betroffenen sind dabei gleichgültig.

Was hier geschieht, ist nicht verboten. Es folgt der einfachen Logik jedes Unternehmens: Kosten senken, Einnahmen steigern, Gewinne ausschütten. Ob das Klopapier, Elektroautos oder Gesundheitsleistungen sind, ist dem Kapital gleichgültig, Hauptsache es vermehrt sich. Wenn Krankenhäuser in Konzernbesitz geführt werden wie jedes andere Unternehmen, dann hat die Medizin abgedankt. Es gibt nur einen Ausweg, und das ist die Gemeinnützigkeit. koste es, was es wolle.

https://www.infosperber.ch/gesundheit/public-health/privatisierte-uni-spitaeler-ein-skandal-ohne-ende/

 

 

 

Ausgeklatscht

Quelle: Nachdenkseiten

Als zu Beginn der Corona-Pandemie die prekäre Personalsituation in den deutschen Kliniken zu einem öffentlichen Thema wurde, bestand für eine kurze Zeit die Chance, dass sich wirklich nachhaltig etwas am skandalösen Pflegenotstand ändern könnte. Doch die Hoffnung währte nur kurz. Es gab Applaus und warme Worte, geändert hat sich seitdem jedoch nichts. Nun liegt endlich der erste Referentenentwurf mit Eckpunkten für eine bessere Pflegepersonalregelung vor. 2025 soll das Gesetz dann allgemein gelten. Doch wie es derzeit aussieht, weist der Gesetzentwurf so viele Lücken auf, dass Karl Lauterbach vielleicht besser den Bundestag auffordern sollte, noch einmal eine Runde für die Pflegekräfte zu klatschen.

Um was geht es eigentlich bei diesem Gesetz? Bislang ist es den Krankenhäusern de facto freigestellt, wieviel Pflegepersonal sie einsetzen. Personal kostet Geld und da die Erträge des „Wirtschaftsunternehmens“ Krankenhaus nicht an die Krankenpflege gekoppelt sind, besagt die betriebswirtschaftliche Logik, dass ein niedriger Personalstand gut für Rendite ist. Gerade für die renditeorientierten privaten Krankenhauskonzerne ist dies der entscheidende Punkt. Vergessen Sie das ganze Gerede von Qualität und sozialer Verantwortung – es geht ganz profan ums Geld.

Wohin diese Fehlentwicklung geführt hat, beobachten wir seit Jahren. Immer mehr Mitarbeiter verlassen die „Knochenmühle“ Krankenhaus und junge Menschen haben verständlicherweise immer weniger Lust, einen Beruf in der Pflege zu erlernen. Versuche, die Lücke mit ausländischen Pflegekräften zu schließen, schlugen fehl. Wer qualifiziert ist, geht in ein Land, in dem der Job besser bezahlt ist und die Arbeitsbedingungen besser sind. Wer nicht ausreichend qualifiziert ist, findet zwar in Deutschland einen Job, wirft aber oft auch genauso schnell wieder hin und kehrt in sein Heimatland zurück. Sprach- und kulturelle Barrieren tun ihr Übriges.

So gibt es in der Tat einen faktischen Fachkräftemangel, dennoch mangelt es nicht an Fachkräften. Nach einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung ließen sich alleine in der Krankenpflege bis zu 378.000 Vollzeitstellen besetzen, wenn man das Personal wieder zurückholt, das aufgrund der Überlastung entweder dem Job ganz den Rücken gekehrt hat oder ihn nur noch in Teilzeit bewältigen kann.

In der Pflege gibt es einen Teufelskreis. Weil die Arbeitsbedingungen so schlecht sind, verlässt das Personal die Häuser, und die Arbeitsbedingungen sind so schlecht, weil es nicht genügend Personal gibt. Dieser Teufelskreis lässt sich nur dadurch brechen, dass massiv Personal eingestellt wird. Um dies zu erreichen, müssen die Krankenhäuser gezwungen werden, mehr Personal auf den Stationen einzusetzen; denn nur dann sinkt die Belastung und nur dann findet man überhaupt die nötigen Mitarbeiter.

...

https://www.nachdenkseiten.de/?p=87282

 

 

 

Juli 22

 

 
Quelle: Multipolar
Der geplante WHO-Pandemievertrag und die geplanten Änderungen der Internationalen Gesundheitsvorschriften weisen den Weg in ein globales biomedizinisches Überwachungs- und Bekämpfungssystem von Gesundheitsbedrohungen. Doch im Verhandlungsprozess wird auch Kritik laut: Wozu überhaupt ein Pandemievertrag und warum immer mehr zentrale Kontrolle?
...
Die dominante Global Health Security (GHS) Doktrin
Um die Prozesse und die Richtung, in die sie gehen, einzuordnen, sollte die Global Health Security (GHS) Doktrin Erwähnung finden. Die GHS-Doktrin hat bereits den letzten zehnjährigen Revisionsprozess (1995-2005) der Internationalen Gesundheitsvorschriften und damit viele der in ihr enthaltenen Regelungen bestimmt, und scheint nun die beiden Prozesse erneut maßgeblich zu leiten. Kurz zusammengefasst zielt der GHS-Ansatz auf die Reduzierung „biologischer Risiken“ ab, indem er Strategien der Biogefahren- und Bioterrorismusabwehr mit denen der öffentlichen Gesundheit verbindet.
Damit wird das Auftreten von Krankheitserregern nicht mehr ausschließlich als medizinisches sondern auch als sicherheitspolitisches Problem gedeutet. Unter den geltenden Internationalen Gesundheitsvorschriften kann beispielsweise ein „außergewöhnliches Ereignis“, das „durch die grenzüberschreitende Ausbreitung von Krankheiten eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit in anderen Staaten darstellt und möglicherweise eine abgestimmte internationale Reaktion erfordert,“ (7) vom WHO-Generaldirektor (8) als PHEIC, das heißt als globaler gesundheitlicher Ausnahmezustand bzw. Gesundheitsnotstand qualifiziert werden. Daraufhin kann der Generaldirektor, nach Beratung mit einem Notfallkomitee, den WHO-Mitgliedsstaaten zeitlich begrenzte medizinische und nicht-medizinische Gegenmaßnahmen empfehlen. (9) Obwohl nicht verbindlich unter den geltenden Internationalen Gesundheitsvorschriften, sind die Staaten angehalten, diese Empfehlungen zu befolgen.
Die Idee dahinter ist, dass es sich beim Auftauchen einer neuen Virussequenz auch um einen absichtlichen Biowaffenangriff oder einen Laborunfall handeln könnte, denen nur mit militärischen Taktiken und Befehlsketten (10) begegnet werden könne, beispielsweise über Ausgangssperren, Kontaktverfolgung, Massenquarantäne auch für gesunde Menschen, Massentests, Massenimpfungen und strikte Informationskontrolle. (11)
Vertreter der GHS-Doktrin gehen von einer noch nie dagewesenen Häufigkeit globaler Gesundheitsbedrohungen (mit pandemischem Potenzial) aus, die trotz lokalem Auftreten die gesamte Welt bedrohen könnten. Dies wird der menschlichen Interdependenz mit der Tierwelt sowie Klimaveränderungen zugeschrieben und im „One Health“ Konzept (Mensch-Tier-Umwelt) gefasst. (12) Die Annahme ist, dass solchen Bedrohungen auch in Zukunft effektiv über von der WHO erklärte, globale Ausnahmezustände begegnet werden muss, um Gegenmaßnahmen zentral zu entwickeln und anzuordnen, und sie durch hierarchische Strukturen umzusetzen. Diese reichen von der WHO inklusive der über die letzten Jahre immer weiter ausgebauten Health Emergencies Programme, über regionale Institutionen wie die erst vor kurzem gegründete Health Emergency Preparedness and Response Agency (HERA) der EU, hin zu nationalen Gesundheitsbehörden und ‚resilienten‘ Gesundheitssystemen.
Insgesamt hat die Verbreitung der aus den USA stammenden GHS-Doktrin seit Anfang der 90-er Jahre, und insbesondere nach 9/11 und den Anthrax-Anschlägen, zu einer starken „Versicherheitlichung“ und Militarisierung von Reaktionen auf Krankheitsausbrüche geführt. Dies spiegelt sich auch in den weltweiten Reaktionen auf das Auftreten des Coronavirus im Januar 2020 wider, und kann an der Tatsache verdeutlicht werden, dass viele nationale Gremien zur Umsetzung von Covid-19 Gegenmaßnahmen durch hochrangige Militärangehörige (wie etwa in Deutschland, Indonesien und Österreich) geleitet wurden und werden.
Gesamtheitliche Ansätze des öffentlichen Gesundheitsschutzes, die primär auf lokale Lösungen, Freiwilligkeit, offene Kommunikation und demokratische Kooperation zwischen Bevölkerung und Gesundheitsbehörden setzen, wurden aus dem Diskurs um globale Gesundheit weitgehend verdrängt.
...

https://multipolar-magazin.de/artikel/pandemievertrag-und-globale-ueberwachung

 

 

 

Das Gesundheitssytem muss selbst erstmal gesund werden!
Quelle: Nachdenkseiten/ Werner Rügemer
Die herrschende Krankheitspolitik. Sogar für den noch größeren Arbeitsaufwand wegen der Pandemie haben die Bundesregierungen, die Betreiber und Eigentümer von Krankenhäusern und Pflegeheimen keine Verbesserungen zugestanden. Ob die Bundesregierungen von CDU oder SPD, von Merkel oder Scholz geführt werden: Deren Gesundheits- beziehungsweise besser: deren Krankheits-Politik schließt viele Krankheiten aus und verursacht enorme gesundheitliche Schäden, im Gesundheitssystem selbst, in den Unternehmen, in der ganzen Bevölkerung.

1. Tod und Mangelernährung im Krankenhaus
Sogar die Gesundheit der Patienten selbst ist der von der Agenda 2010 (Schröder/SPD und Fischer/Grüne) eingeleiteten „Gesundheits“politik nicht unbedingt der oberste Wert. Die am Gewinn orientierte Fallpauschale begünstigt teure und zudem möglichst kurze Behandlungen. Folge: Die blutige Entlassung. Dabei wird aus Kostengründen die Hygiene in den Krankenhäusern vernachlässigt. Das Robert Koch-Institut schätzt, dass in deutschen Krankenhäusern jährlich 400.000 bis 600.000 Patienten mit multiresistenten Keimen infiziert werden. Dadurch sterben pro Jahr (vor Corona) etwa „10.000 bis 20.000“ Patienten. So genau will die „Gesundheits“behörde das nicht wissen, deshalb diese breite Schätzung. Immerhin wurde die frühere Schätzung von „10.000 bis 15.000“ Todesfällen nach oben korrigiert.[1] Das RKI dokumentiert das, mitleidlos, mal so nebenbei. Keinen „Gesundheits“minister oder Chef-Virologen rührt das.

Zum kaputtgesparten Bereich gehört das Essen für die Patienten und Pflegeheimbewohner. Das Catering ist meist ausgelagert in Billigfirmen: Die sparen nicht nur an den Löhnen und Arbeitsbedingungen, sondern auch am Essen. Bis auf 2,50 Euro pro Tag wird heruntergespart. Die Mangelernährung verschlechtert zudem vielfach die Gesundungsaussichten, vor allem bei Menschen, denen Verwandte und Freunde kein zusätzliches gesundes Essen bringen.[2]

2. Gesundheitsgefährdung der Beschäftigten im Gesundheitsbereich
Auch die Gesundheit der Beschäftigten in den Krankenhäusern und Pflegeheimen ist kein Leitwert in der herrschenden Gesundheitspolitik. Erkrankungen der Rücken-, Schulter- und Armmuskulatur und der Lunge, Infektionen, Erschöpfungszustände, psychische Erkrankungen: Pflegekräfte haben im Vergleich die meisten Krankheits- und Fehltage. Dies betrifft neben den regulär Beschäftigten vor allem die immer mehr prekär ausgelagerten Niedrigstlöhner, und eben auch diejenigen, deren Tätigkeit hygienisch relevant ist, etwa die Putzkräfte, die Caterer und die innerhäusigen Bettenschieber.

3. Berufskrankheiten – gibt’s die überhaupt noch?
....

4. Übergewicht in Europa hat epidemische Ausmaße
Die WHO hat festgestellt: In Europa hat sich Übergewicht/Fettleibigkeit zu einer Epidemie entwickelt. In den letzten 30 Jahren nahm das stetig zu, beginnend schon im Kindesalter. Und Übergewicht ist Mitverursacher von erhöhten Todesfällen wegen Krebs, Diabetes, Fettleber. 13 % der gegenwärtig 1,2 Millionen Todesfälle in Europa werden dadurch verursacht. Und Übergewichtige waren bei Corona besonders anfällig. Haben sich darum ein deutscher Gesundheitsminister, das RKI oder die EU-Kommission je gekümmert?
Ursache sind die von der herrschenden „Gesundheits“politik nicht beanstandeten industriellen Billig-Massennahrungsmittel und -Getränke, mit zuviel Zucker bzw. Fett und Salz und sonstigen chemischen Zusätzen und Geschmacksverstärkern, die aber mit Duldung der Gesundheitsbehörden nicht wirksam ausgewiesen werden. Ursachen sind auch stundenlanges Sitzen beim Videospielen und digital vermittelte Billigessens-Lieferungen. Die EU und die deutschen Regierungen lehnen alle von der WHO vorgeschlagenen Gegenmaßnahmen ab.[4]

5. Beschäftigte und Patienten krank – Investoren gesund
Ein besonders aktiver Krankheitspolitiker ist seit zwei Jahrzehnten übrigens Karl Lauterbach. Das langjährige CDU-Mitglied hat mithilfe der Konrad-Adenauer-Stiftung an der privaten Elite-Universität Harvard in den USA seinen Doktortitel gemacht. Dabei hat er die dort vorherrschende Gesundheits-Ökonomie der USA in sich aufgesogen, also die Ökonomie des teuersten und asozialsten Gesundheitssystems weltweit.[5]
Diese Gewinn-Ökonomie ist nur für die privaten Investoren gesund – für Patienten und Beschäftigte, Kinder und Rentner ist sie ungesund bis tödlich. Diese Gewinn-Ökonomie hat Lauterbach aus den USA nach Deutschland importiert. Er wurde sofort zur Agenda 2010 der SPD/Grünen-Bundesregierung herangezogen, trat in die SPD ein. Er betrieb als Regierungsberater die Fallpauschale und die Privatisierung der Krankenhäuser. Und auch für die Privatisierung der Renten setzte er sich ein – die Riester-Rente wollte er sogar zur Pflicht machen.
Im Aufsichtsrat des Universitätsklinikums Gießen-Marburg betrieb er dessen Privatisierung, die einzige Privatisierung eines Uniklinikums, mit Personalabbau und Auslagerung zu Billigfirmen, mit katastrophalen Folgen, aber zugunsten des privaten Eigentümers, der privaten Kette Rhön-Klinikum, jetzt Asklepios.
Mit der Bertelsmann-Stiftung tritt er für die Schließung möglichst vieler Kliniken ein. Und der Aufkauf nicht nur von Pflegeheimen, sondern auch von Arztpraxen und mobilen Pflegediensten durch private Investoren läuft jetzt auf Hochtouren, unter der schützenden Hand und dem komplizenhaften Schweigen des Gesundheitsministers.
Mehr Personal, bessere Arbeitsbedingungen, bessere Hygiene und gesundes Essen in Krankenhäusern und Pflegeheimen, Aufsicht über die Gefahren am Arbeitsplatz, öffentlich und politisch verantwortete Gesundheitsfürsorge – nicht mit Lauterbach, seit zwei Jahrzehnten.

6. Unter- und Nicht-Versorgung von Krankheiten
Mit der Fallpauschale und der Privatisierung von Krankenhäusern und Renten war und ist – auch in Gestalt von Lauterbach – ebenso die „Reform“ der Krankenversicherung verbunden. Vorbild USA: Die Beiträge der Beschäftigten zur Krankenversicherung bleiben hoch, aber die Leistungen nehmen ab.
...

7.„Gesundheitsstadt Berlin“
Im Auftrag des SPD-geführten Berliner Senats leitete Lauterbach die Kommission „Gesundheitsstadt Berlin 2030“. Das ist eine verschärfte Version der Agenda 2010 für den Gesundheitsbereich.
Ergebnis der Kommission im Jahre 2019: Das größte deutsche Klinikum, die Charité, soll mit dem kommunalen Krankenhaus- und Pflegekonzern Vivantes zusammengelegt werden. Die Charité ist zwar äußerlich noch in öffentlicher Hand, aber innerlich so durchprivatisiert wie kein anderes Klinikum: Über ein Dutzend ausgelagerte Billiglohnfirmen auf der einen Seite (Charité Facility Management, CFM), auf der anderen Seite das nach Harvard-Vorbild gegründete Berlin Institute of Health, finanziert vom Multimilliardärs-Clan Quandt (BMW-Hauptaktionäre) und der Stiftung des Digital-Multimilliardärs William Gates.
In die Holding der „Gesundheitsstadt Berlin“ sollen aber nach Lauterbach & Co. auch alle weiteren Einrichtungen in Berlin eingegliedert werden, die irgendetwas mit Gesundheit zu tun haben: Max-Planck-Institute, Rotes Kreuz, Deutsches Herzzentrum, das Unfallkrankenhaus der Berufsgenossenschaften, 14 private Krankenhäuser. Dabei soll die Charité mit Virologie- und anderer Forschung zur Weltspitze mit Harvard aufschließen, während unten bei Vivantes die unsichtbare und ungesunde Alltagsarbeit verrichtet wird.
...
Bilanz: Wir müssen gesamtheitlich herangehen
...
Die vorherrschende Gesundheitspolitik, verkörpert im zuständigen Minister Lauterbach, macht die privaten Investoren gesund, aber macht die Mehrheit der Bevölkerung in vielfältiger Weise krank. Und das wird mit der gegenwärtigen Sanktions-, Energie- und Aufrüstungspolitik noch gefährlicher.
Das müssen wir zusammensehen und neue Bündnisse für eine allgemeine Gesundheitspolitik bilden. Deshalb: Alle Gewerkschaften müssen ran, Betriebsräte und Ärzte und medizinische Wissenschaftler, Frauengruppen, Patientenorganisationen, Wohlfahrtsverbände und alle demokratischen Kräfte. So können wir Potentiale für Widerstand und Alternativen erschließen, für eine umfassende Gesundheitspolitik, denn Gesundheit ist ein Menschenrecht.

...
https://www.nachdenkseiten.de/?p=85420

 

 

Juni 22

 

 

Praxis Dr. Heuschrecke. Wie Finanzinvestoren über das Gesundheitswesen herfallen.

Quelle: Nachdenkseiten

Private-Equity-Fonds kaufen seit Jahren und verstärkt noch durch die Corona-Krise massenweise Arztsitze auf und wandeln diese zu dukatenscheißenden Profitcentern um. Vorneweg in der Augen- und Zahnmedizin bringen sich immer mehr investorengetragene Medizinische Versorgungszentren in Stellung, die das Solidarsystem mit überhöhten Honoraren und überteuerten Zusatzleistungen plündern, die als Rendite in Steueroasen landen. Die Bundesregierung weiß schon sehr lange von den Machenschaften, unternimmt aber nichts dagegen. Aus der Warte der Patienten wirkt das wie unterlassene Hilfeleistung, aus Sicht der Profiteure wie tätige Mithilfe.

https://www.nachdenkseiten.de/?p=84478

 

 

Mai 22
 
 
Quelle: junge Welt
Kapitalismus ist lebensgefährlich. Investoren wollen für ihre Beteiligungen an Kliniken, Praxen und Pflegeheimen hohe Profite erzielen, auf Kosten von Kranken und Personal. Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, warnte am Dienstag vor weiter wachsendem wirtschaftlichen Druck auf die Patientenversorgung. Preiswettbewerb, Kosteneffizienz und Renditestreben bestimmten mehr und mehr den Alltag in der Medizin, sagte er am Dienstag beim Deutschen Ärztetag in Bremen.
Ärzte würden von Klinikträgern und Finanzinvestoren bei Medizinischen Versorgungszentren zunehmend angehalten, in rein betriebswirtschaftlichen Dimensionen zu denken und nach kommerziellen Vorgaben zu handeln. »Wir dürfen nicht zulassen, dass unser Gesundheitssystem in ein profitorientiertes Franchisesystem umgewandelt wird. Und wir wollen auch keine industriegleichen Abläufe in der stationären Versorgung«, sagte Reinhardt. Der Einfluss von Finanzinvestoren auf ambulante Einrichtungen müsse gesetzlich eingedämmt werden.
Finanzunternehmen sehen hingegen noch großes Kürzungspotential.
...
 
 
 

 

Ein System wird krank gemacht

 Der Arzt und FR-Kolumnist Bernd Hontschik kritisiert seit Jahren, in Kliniken sei der Gewinn wichtiger als die Qualität der Versorgung. In seinem aktuellen Buch beschreibt er, wie Politik und Pandemie die Probleme verschlimmert haben. Ein Auszug

Quelle: Frankfurter Rundschau
 ....
Die Privatisierung als Destruktionsprozess ist an den Veränderungen des Gesundheitswesens, wie sie hierzulande in den letzten drei bis vier Jahrzehnten geschehen sind, am deutlichsten zu erkennen. Diese Destruktion geschieht in ganz kleinen, fast unmerklichen Schritten, weswegen sie in der Öffentlichkeit kaum zu erkennen ist. Aber sie geht immer in die gleiche Richtung, das ist das Gefährliche daran. Die Protagonisten sagen unaufhörlich, sie sei alternativlos. Die Digitalisierung zum Beispiel sei alternativlos, aber verschwiegen wird, welche Art von Digitalisierung hier erzwungen wird – als ob es nur eine Art gäbe. Die Privatisierung sei alternativlos, weil nur der Markt für bessere Zustände sorgen könne, aber verschwiegen wird, für wen diese besseren Zustände gedacht sind. Und die Kommerzialisierung sei alternativlos, da dringend neues Kapital im Gesundheitswesen gebraucht würde.

 Verschwiegen wird, dass der katastrophale Mangel an Investivkapital allein darauf beruht, dass ausnahmslos alle Bundesländer seit Jahren und zunehmend ihrem gesetzlichen Auftrag nicht nachkommen, die Krankenhäuser in ihrem Bestand ausreichend zu finanzieren. Verschwiegen wird, dass das Gesundheitswesen mit diesem neuen Kapital nicht mehr dasselbe ist, sondern automatisch zu einem Teil des Wirtschaftssystems wird.
 Das Gesundheitswesen war bislang ein Teil unseres Sozialsystems. Die Sozialgesetze, nach denen es funktioniert hat und zum Teil immer noch funktioniert, sind zum großen Teil über 120 Jahre alt. Vor wenigen Jahrzehnten erst setzte die scheibchenweise Deformation ein, sozusagen eine Art kleinschrittiger Entdeckung des Gesundheitswesens durch den Kapitalismus, die zentripetale Expansion. Aus dem Gesundheitswesen wird die Gesundheitswirtschaft
.
 Im Zuge der Bekämpfung der Corona-Pandemie ist nach dem Übergang vom Gesundheitswesen zur Gesundheitswirtschaft jedoch ein weiterer großer Schritt vollzogen worden: Dem Gesundheitswesen wurde eine politische Aufgabe zugeordnet, um es zur Ausübung politischer Macht zu gebrauchen. Die hat inzwischen eine neue Dimension erreicht, eine Dimension, die man bisher nur aus mehr oder weniger hellsichtigen Science-Fiction-Romanen kannte. Im Zeichen der Corona-Pandemie wurden sämtliche ehernen Grundsätze des Gesundheitswesens und der Humanmedizin gebrochen. Die „Überlastung unseres Gesundheitswesens“ als Horrorvision wurde zur „alternativlosen“ Begründung für einschneidende Maßnahmen in jeden Alltag, von der Kinderkrippe bis zum Altersheim. Grenzen wurden geschlossen. Die Wohnung wurde zum abgeschotteten Ort der Berufsausübung, der Arbeit, des Kindergartens, der Schule und des Privatlebens gleichzeitig – kein Entrinnen.

 Und die Wissenschaft erlebte ihr Waterloo, besonders die medizinische, indem ihre Aussagen je nach Bedarf richtig oder falsch zitiert, hervorgehoben oder verschwiegen wurden. Ein Diskurs fand und findet nicht mehr statt. Alles andere als der Lockdown konnte nicht mehr begründet, geschweige denn diskutiert werden. Atemmasken waren anfangs schädlich, dann sinnlos, plötzlich Mangelware, aber dann überall vorgeschrieben. Darüber entschieden haben Politiker:innen. Nicht genehme Wissenschaftler:innen und Berater:innen wurden aus Gremien ausgeschlossen und nicht mehr angehört. Damit hatten sie auch jede weitere Teilnahme an der medialen Kakophonie verwirkt, insbesondere an Talkshows, wo Abend für Abend fast immer die gleichen Gäste ihre fast immer gleiche apokalyptische Botschaft verkünden konnten.
 Die neuen Impfstoffe, die schon ein Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie zur Zulassung bereitstanden, wurden von der einzig qualifizierten Ständigen Impfkommission nicht mit der üblichen Ruhe und Sorgfalt beurteilt und geplant, sondern es kam unter ungeheurem Druck von Politiker:innen zu sogenannten Notfallzulassungen – ein bislang nicht bekannter Begriff.
 ...
 Deswegen genügt es nicht mehr nur, den schon weit beschrittenen Weg vom Gesundheitswesen zur Gesundheitswirtschaft kritisch zu beschreiben, sondern der nächste, um ein Vielfaches bedrohlichere Schritt von der Gesundheitswirtschaft zur Gesundheitsherrschaft ist längst und unbemerkt Realität geworden. Er kann nicht mehr ignoriert werden. Oder wie der Jurist und Autor Heribert Prantl sagt: „Aus dem Ausnahmezustand wird ein Normalzustand, aus den Notregeln werden Normalregeln. Das ist unnormal, unstatthaft und gesellschaftsschädlich.“
 https://www.fr.de/panorama/ein-system-wird-krank-gemacht-91527797.html