Hintergrundimmunität gegen SARS-COV-2

Grundlage der Modellrechnungen mit Millionen von Toten durch SARS-COV-2 war stets die Annahme einer fehlenden Immunität gegen einen "völlig neuen" Virus. Schon zu Beginn der Debatte um die Einschätzung der Gefährlichkeit wiesen zahlreiche Wissenschaftler_innen darauf hin, dass Coronaviren bei Atemwegsinfekten in den Monaten Dezember bis März schon immer einen signifikantgen Anteil ausmachen. Wie bei Influenzaviren postulierten sie eine Grundimmunität, die durch kreuzreagierende Antikörper und T-Zellen vorhanden sein müsste. Welche anderen plausiblen Hypothesen hätten sonst die asymptomatischen und milden Verläufe bei fast 90% der Menschen erklären können?

 

Inzwischen wurden viele Studien durchgeführt, die belegen, dass der Virus keinesfalls auf eine immunologisch naive Weltbevölkerung getroffen ist. Diese Tatsache erklärt auch die eindeutigen Zahlen bezüglich der Sterblichkeit, die in ihrer Gesamtheit mit heftig verlaufenden Influenza-Epidemien der letzten 20 Jahre vergleichbar sind (siehe auch hier Vergleichszahlen).

 

Bis zu 60% aller Personen verfügen bereits über eine gewisse zelluläre Hinter­grund­immunität gegen das neue Virus durch den Kontakt mit bisherigen Coronaviren (d.h. Erkältungsviren). Die Annahme, es gebe keine Immunität gegen das neue Coronavirus, war nicht zutreffend. (https://www.cell.com/cell/fulltext/S0092-8674(20)30610-3)

Ende Mai erschien indes eine immunologische Studie der Universität Zürich, die erstmals nachwies, dass die üblichen Antikörper-Tests, die Antikörper im Blut messen (IgG und IgM), höchstens ca. ein Fünftel aller Coronavirus-Infektionen erkennen können. Der Grund dafür ist, dass das neue Coronavirus bei den meisten Menschen bereits durch Antikörper auf der Schleimhaut (IgA) oder durch eine zelluläre Immunität (T-Zellen) neutralisiert wird und sich dabei keine oder nur milde Symptome ausbilden. Die Schweizer Studie dürfte zugleich erklären, warum Kinder im Normalfall gar nicht oder nur mild am neuen Coronavirus erkranken (aufgrund des häufigen Kontakts mit bisherigen Corona-Erkältungsviren), und warum selbst Hotspots wie New York City eine Antikörper-Verbreitung (IgG/IgM) von höchstens 20% fanden – denn dies entspricht bereits der Herdenimmunität. (https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2020.05.21.108308v1 & https://theconversation.com/coronavirus-could-it-be-burning-out-after-20-of-a-population-is-infected-141584)

Eine schwedische Studie ergab, dass Personen mit milder oder asymptomatischer Erkrankung das Virus oftmals mit T-Zellen neutralisieren, ohne Antikörper ausbilden zu müssen. Die T-Zellen-Immunität war etwa doppelt so häufig wie die Antikörper-Immunität. (https://news.ki.se/immunity-to-covid-19-is-probably-higher-than-tests-have-shown)

Eine umfangreiche spanische Studie ergab, dass weniger als 20% der symptomatischen Personen und ca. 2% der getesteten asymptomatischen Personen IgG-Antikörper hatten.

https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)31483-5/fulltext

Eine deutsche Studie (Preprint) ergab, dass 81% der Personen, die noch keinen Kontakt mit dem neuen Coronavirus hatten, bereits über kreuzreaktive T-Zellen und damit über eine gewisse Hintergrundimmunität verfügen. Der Grund dafür dürfte der Kontakt mit bisherigen Coronaviren (Erkältungsviren) sein. (https://www.researchsquare.com/article/rs-35331/v1)

Eine chinesische Studie im Fachmagazin Nature ergab, dass bei 40% der asymptomatischen Personen und bei 12.9% der symptomatischen Personen nach der Erholungsphase keine IgG-Antikörper mehr nachweisbar sind. (https://www.nature.com/articles/s41591-020-0965-6)

Eine weitere chinesische Studie mit knapp 25,000 Klinikmitarbeitern in Wuhan ergab, dass höchstens ein Fünftel der vermutlich infizierten Mitarbeiter IgG-Antikörper aufwiesen. (https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.06.13.20130252v1)

Eine kleine französische Studie (Preprint) ergab, dass sechs Familienmitglieder von Covid-Patienten eine T-Zellen-Immunität ohne Antikörper entwickelten. (https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.06.21.20132449v1)

In diesem Zusammenhang kam eine US-Studie im Fachjournal Science Translational Medicine anhand verschiedener Indikatoren zum Ergebnis, dass die Letalität von Covid-19 weit tiefer liegt als ursprünglich angenommen, seine Ausbreitung in einigen Hotspots aber bis zu 80-mal schneller erfolgte als vermutet, was den raschen Anstieg an Erkrankungen erklären würde. (https://stm.sciencemag.org/content/12/554/eabc1126)

Eine Untersuchung im österreichischen Skiort Ischgl, einem der ersten europäischen “Corona-Hotspots”, fand Antikörper bei 42% der Bevölkerung. 85% der Infektionen blieben “unbemerkt” (d.h. sehr mild), ca. 50% der Infektionen verliefen ganz ohne (spürbare) Symptome. Der hohe Antikörperwert von 42% in Ischgl ergab sich, weil in Ischgl auch auf IgA-Antikörper im Blut getestet wurde (statt nur auf IgM/IgG), und dies relativ zeitnah bereits im April. Wäre zusätzlich auf mukosale IgA und auf T-Zellen getestet worden, hätte sich zweifellos eine nochmals deutlich höhere Immunität im Bereich der Herdenimmunität ergeben. (https://www.derstandard.at/story/2000118306133/42-4-prozent-der-bewohner-ischgls-haben-antikoerper-gegen-sars)

In Ischgl kam es zu zwei Corona-Todesfällen (beides vorerkrankte Männer über 80 Jahren), was einer rohen IFR von 0.26% entspricht. Angepasst an die Gesamtbevölkerung und die tatsächliche Immunität dürfte die Covid-Letalität auch in Ischgl bei unter 0.1% liegen.