Unser Praxiskollektiv in Schlagworten:

  • seit 1979
  • basisdemokratisch
  • gemeinsamer Besitz
  • gemeinsame Entscheidungen
  • gemeinsame Verantwortung
  • Gleichbezahlung
  • kein Chef
  • keine Hierarchie
  • gesundes Arbeitsklima
  • nicht gewinnorientiert
  • hausärztlich
  • naturheilkundlich
  • ganzheitlich

Unser Team

Artikel in der Zeitschrift des Vereins der Demokratische Ärztinnen und Ärzte über unsere Praxis

Autor: Claudius Loga

Hierarchiefreie Medizin: Das Praxiskollektiv in Berlin

Das Praxiskollektiv „Reiche“ entstand im Rahmen der Gruppenpraxis-Bewegung“ der 1970er und 80er Jahre. In dieser Zeit gab es in der Bundesrepublik viele Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und –pfleger, Arzthelferinnen und andere medizinische Berufsgruppen, die einen gesellschaftlichen Wandel auch in der stark hierarchisch organisierten Medizin einforderten und nach „sozialistischen“ Modellen für die ambulante Medizin suchten. In neu gegründeten „Gruppenpraxen“ arbeiteten Kollegen und Kolleginnen mit unterschiedlichen medizinischen Berufen im Kollektiv ohne Chef und zum gleichen Stundenlohn.

Eine dieser neuen Gruppenpraxen war die „Reiche“: 1979 wurde eine bestehende Hausarztpraxis im zweiten Stock der Reichenberger Straße 121 in Berlin Kreuzberg 36 vom Arzt Hubert Bacia übernommen und in ein Kollektiv umgewandelt. Seitdem arbeiteten hier bis zum heutigen Tag viele Arzthelfer und –helferinnen, Ärztinnen und Ärzte zum „Einheitslohn“ in kollektiver Selbstverwaltung nach dem ungeschriebenen Gesetz: die Praxis gehört allen, die darin arbeiten.

Schriftliche Verträge gab und gibt es nicht, alle Entscheidungen werden gemeinsam nach dem Konsensprinzip auf Vertrauensbasis gefällt. Eine Rechtsform, die die ArzthelferInnen an dem Besitz der Praxis beteiligen würde, ist in der ambulanten Medizin Deutschlands auch nicht vorgesehen. Da das Einklagen kollektiver Ansprüche gegenüber den niedergelassenen ÄrztInnen somit nicht möglich ist, ist das persönliche Vertrauen die wichtigste Grundlage des Kollektivbetriebs. Dieses Vertrauen zueinander und das persönliche Engagement aller war die Grundvoraussetzung dafür, dass das Praxiskollektiv „Reiche“ fast alle anderen Gruppenpraxen Deutschlands überlebt hat und nun schon beinahe 35 Jahre besteht.

Damals wie heute unterscheidet sich auch die Behandlung und Versorgung der Patienten im Praxiskollektiv von der klassischen Arztpraxis: Ziel ist Hierarchie auch zwischen ÄrztInnen und PatientInnen abzubauen. Damit soll ein Beitrag zum Wandel in der modernen Medizin geleistet werden: weg vom allwissenden „Halbgott in Weiß“ hin zu einem zugewandten, gesprächsbereiten und offenherzigen ärztlichen Behandler als Partner der Patienten. Gleichzeitig dazu findet eine Emanzipation des Patienten statt: Vom geduldig wartenden (patiens=Geduld) zum selbst Agierenden, der sich gut informiert und die Verantwortung für seine Gesundheit, Krankheit und die Behandlung selbst übernimmt. Diese „Medizin auf Augenhöhe“ des 21.Jahrhunderts ist aus Sicht der Praxiskollektivmitglieder ohne ein Überbrücken der traditionell tief klaffenden hierarchischen Kluft zwischen den Berufsbildern (und Gehältern!) von ÄrztInnen und ArzthelferInnen nicht glaubwürdig zu verwirklichen.

Wie sieht das Praxiskollektiv „reiche121“ nun heute aus?

Derzeit gibt es 2 Ärztinnen und 2 Ärzte für Allgemeinmedizin von denen eine Kollegin als Psychotherapeutin arbeitet, 6 ArzthelferInnen sowie 2 ärztliche Weiterbildungsassistentinnen, die meisten arbeiten zwischen 25 und 30 Stunden pro Woche. Der Stundenlohn ist – wie oben erwähnt – für alle gleich, zusätzlich gibt es betriebliches Kindergeld und von der Praxis bezahlte Fortbildungen.

Das medizinische Konzept ist eine ganzheitliche, naturheilkundliche sowie evidenzbasierte Behandlung mit psychosomatischem Schwerpunkt. Das ärztliche Gespräch steht im Mittelpunkt der Sprechstunde, es soll genügend Zeit dafür vorhanden sein, daher bekommt jede/r PatientIn regulär einen Viertelstundentermin. Weiterhin werden z.B. Akupunktur, Muskelrelaxation, Shiatsu, Schröpfen, Fußreflexzonenbehandlung, Eigenblut, Yoga, der HerzKreis und auch Reisemedizinische Beratung angeboten. Die Arbeit erfolgt im Zweischicht-System, dazwischen gibt es eine einstündige Mittagspause. Ein Kollektivmitglied bekocht hier traditionell die anderen nach dem Rotationsprinzip. Mittags ist dann auch genügend Zeit, sich über Patienten oder über die Tagespolitik auszutauschen.

Einmal wöchentlich, am Mittwoch, treffen sich alle Kollektivmitglieder zum „Plenum“, der Basis der kollektiven Selbstverwaltung. Hier werden alle aktuellen Themen von anzuschaffendem Gerät über problematische Patienten, die Quartals-Abrechnung, Finanzfragen bis hin zu Personaleinstellung diskutiert, aber auch internes Fehlermanagement betrieben. Entscheidungen werden dann im Konsens getroffen. In wichtigen Angelegenheiten gibt es ein Vetorecht. Dieser Prozess dauert zwar manchmal etwas länger, dafür stehen dann meist alle Kollektivmitglieder zu den einmal getroffenen Entscheidungen. Selbstverständlich ist die Anwesenheit auf dem Plenum bezahlte Arbeitszeit.


 

Was sagen PatientInnen und KollegInnen zum Modell „Praxiskollektiv“?

Bei den meisten Patienten und Patientinnen ist das Praxiskollektiv beliebt, der Zulauf übersteigt – vor allem in den Wintermonaten – oftmals die Behandlungskapazität. Insbesondere das Bemühen um einen partnerschaftlichen Umgang und ein ganzheitliches, psychosomatisches Verständnis unter Einbeziehung sozialer Gegebenheiten werden von vielen Patientinnen und Patienten aus dem Kreuzberger Kiez als wichtige Gründe genannt, gerade diese Praxis aufzusuchen. Konflikte zwischen KollegInnen und PatientInnen kommen vor, sind aber eher die Ausnahme. Es wird dann gemeinsam nach den Ursachen geschaut und ein Einvernehmen angestrebt.

Ärztliche Kolleginnen und Kollegen – v.a. aus dem niedergelassenen Bereich – reagieren meist mit Unverständnis auf die Erläuterung der Kollektivstruktur: V.a. die Gleichstellung bei der Gehaltshöhe von ÄrztInnen und ArzthelferInnen löst Erstaunen und Ablehnung hervor. MedizinstudentInnen finden das Kollektiv meist „spannend“, einige wünschen sich, später in einem solchen Rahmen zu arbeiten. Bei der Suche nach neuen ÄrztInnen für die Praxis zeigte sich oft, dass viele FachärztInnen und WeiterbildungsassistentInnen zwar sehr frustriert über den klinischen und ambulanten Medizinbetrieb und dessen reformresistente Hierarchien sind und sich auch ein kollegiales, gleichberechtigtes Team wünschen, aber die eigenen finanziellen Ansprüche doch den Ausschlag geben, dem Projekt „Praxiskollektiv“ fernzubleiben. Erstaunlicherweise war es in den letzten Jahren auch nicht leicht ArzthelferInnen zu finden, die sich für den Kollektivbetrieb interessieren: Gemeinsame Entscheidungsfindung und Tragen von Verantwortung, ja ein Arbeiten ohne Chef können sich viele gar nicht vorstellen.

Wie sieht die Zukunft des Praxiskollektivs aus?

Über die Jahre ist – auch wegen der oftmals schwierigen Nachwuchssuche – bei den „alten Hasen“ der Praxis das

Sendungsbewußtsein für das Kollektivmodell in den Hintergrund getreten. Es überwiegt die Wahrnehmung, eine Nische gefunden zu haben, in der kollektives, gleichberechtigtes, selbstgestaltetes Arbeiten unter gesunden Bedingungen und das „den-eigenen-Idealen-Treubleiben“ möglich ist.

In letzter Zeit ist durch neue KollegInnen, die bewusst den Weg in eine hierarchiefreie Medizin und damit ins Kollektiv gewählt haben, aber auch durch das Interesse der Öffentlichkeit an alternativen, nicht-gewinnorientierten Lebens- und Arbeitsformen der idealistische Geist der Praxismitglieder wieder gestärkt worden.

Zur Zeit wird die Möglichkeit ausgelotet, über die Struktur eines MVZ (Medizinisches Versorgungszentrum) alle Kollektivmitglieder gleichberechtigt anzustellen. Die niedergelassenen ÄrztInnen würden dann ihre nach außen bestehende Selbständigkeit (GbR) aufgeben, ihren Arztsitz ans MVZ übertragen und in die Anstellung wechseln. Inwieweit die ArzthelferInnen auch GesellschafterInnen einer MVZ-GmbH sein können, wird derzeit mit einem Rechtsanwalt geprüft. Leider ist das Gründen eines MVZ als alleinige Hausarztpraxis nicht möglich, das MVZ hängt also immer von einem zusätzlichen Facharztsitz (in diesem Fall Psychotherapie) ab. Ansonsten ist das MVZ ein mögliches Zukunftsmodell für weitere Praxiskollektive.

Ausblick

Vor dem Hintergrund der sich wandelnden Arbeitswelt und der sich verstärkt dem Menschen zuwendenden Medizin, in der die Erkenntnis zunimmt, dass Stress, Unzufriedenheit und Fremdbestimmtheit krank machen und das Glück und „gutes Leben“ wichtiger sind als Geld und materielle Überversorgung, ist das Projekt „Praxiskollektiv“ heute aus Sicht seiner Mitglieder ein zukunftsweisendes Modell der ambulanten medizinischen Versorgung in Deutschland.


 

Claudius Loga

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